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TOM WAITS:
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1 OLD
SHOES AND
PICTURE POSTCARDS
Es gibt Menschen, die kann man sich nur schwer als Kind vorstellen,
und Tom Waits gehört mit Sicherheit dazu. In der Pressemappe
zu seinem Debütalbum Closing Time aus dem Jahre 1973 behauptete
Waits tatsächlich, er sei in einem Taxi zur Welt gekommen,
inklusive Dreitagebart. Kaum geschlüpft, habe er den Fahrer
angewiesen, auf dem schnellsten Weg zum Times Square zu fahren.
In anderen Interviews wiederum gab Waits zu Protokoll, der Fahrer
habe ihn erst nach Bezahlung des Fahrgeldes aussteigen lassen
wollen. Was ein ernsthaftes
Problem darstellte, denn so ein Säugling hat ja noch nicht
einmal
Hosentaschen.
Diese Geschichte entwickelte sich zur Bühnenroutine. Bei
einem Auftritt in Princeton, New Jersey am 16. April 1976 gab
er folgende Version zum Besten: »Ich wurde schon sehr
jung auf dem Rücksitz eines gelben Taxis auf dem Parkplatz
des Murphy Hospital in Whittier, Kalifornien geboren. Es ist
nicht leicht für einen jungen Burschen, in Whittier aufzuwachsen.
Ich musste schon sehr früh Entscheidungen treffen. Das
erste, was ich tat, war bezahlen, und zwar die eins fünfundachtzig
auf dem Taxameter. Sobald ich aus dem Taxi raus war, habe ich
mir eine Arbeit gesucht. Der einzige Job, den ich an Land ziehen
konnte, war der eines Wehenschreibers auf der Entbindungsstation.
Ich wurde entlassen und war ein wenig desillusioniert, was Arbeit
angeht.«
Dass Tom Waits vor einem Krankenhaus in einem Taxi zur Welt
kam, galt fortan als offiziell – das Evangelium nach Tom
Waits. Ob es stimmt? Wahrscheinlich nicht, aber diejenigen,
die es wissen könnten, schweigen beharrlich (sogar die
Stadtverwaltung von Los Angeles scheint Teil der Verschwörung
zu sein. Sie nahm zwar Geld für eine Kopie von Tom Waits’
Geburtsurkunde, versäumte es jedoch, diese auch auszustellen).
Die Taxi-Geschichte schaffte es auch nicht in die knappe Geburtsanzeige,
die am 9. Dezember 1949 im Pomona Progress Bulletin erschien:
»Waits – Mr. und Mrs. Jesse F. Waits, 318 N. Pickering
Street, Whittier, bekamen einen Sohn, Thomas Alan, 3458,5 Gramm,
Park Avenue Hospital, 7. Dezember.« Aber wie hätte
die Anzeige sonst lauten können? »Geboren in einem
mexikanischen Taxi, geparkt in zweiter Reihe in einer Ladezone?«
Unwahrscheinlich.
Letztendlich ist es unwichtig. Tatsache ist: Selbst wenn Tom
Waits nicht in einem Taxi geboren wurde, die Vorstellung passt.
So hätte es sein sollen. Was wissen wir also? Er wurde
am 7. Dezember 1949 als Thomas Alan Waits unweit von Whittier
im Krankenhaus von Pomona, einer verschlafenen Vorstadt von
Los Angeles, geboren. Waits hat in Interviews oft angegeben,
auch beim erwähnten Auftritt in Princeton, dass er im Murphy
Hospital geboren wurde. Es gibt eigentlich
keinen Grund, daran zu zweifeln, auch wenn die Geburtsanzeige
das Park Avenue Hospital nennt. Die unterschiedlichen Namen
der Krankenhäuser könnten als Schreibfehler durchgehen,
als fehlerhafte Erinnerung oder als Namensänderung der
Klinik – es ist nicht wirklich von Bedeutung.
Waits’ Eltern, Frank (nach dem Tom einen seiner beständigsten
musikalischen Charaktere benannt hat) und Alma, waren Lehrer.
Sie haben beide jahrelang unterrichtet, obwohl Waits in mindestens
einem Fernsehinterview behauptete, sein Vater sei Kautions-Agent
und seine Mutter Fächertänzerin gewesen – er
bestand darauf, seine Sippe sei der typische Showgeschäft-Clan.2
Almas Familie kam aus Norwegen, Frank war schottischer und irischer
Abstammung. Frank hieß eigentlich Jesse, nach seinem eigenen
Vater, Jesse Waits, aber er wurde nur bei seinem zweiten Vornamen
gerufen. Tom sagte, der Name Jesse Frank sei eine Hommage an
die Wildwest-Banditen Frank und Jesse James gewesen. Doch als
junger Mann begann Jesse Junior seinen zweiten Vornamen zu verwenden,
denn ihm gefiel die Tatsache, den gleichen Vornamen zu haben
wie Frank Sinatra. Die jungen Mädchen flogen einfach nicht
auf einen Jesse.
Bei Auftritten behauptete Tom Waits, er wäre »eines
Nachts im April 1949 im Crossroads Motel in La Verne, Kalifornien
[nordwestlich von Pomona] gezeugt worden, zwischen zerbrochenen
Four-Roses-Flaschen, glimmenden Lucky Strikes, einem halben
Thunfisch-Sandwich und Old Spice.« Welche Perspektive
bleibt da jungen Eltern? Wo konnte ein junges Pärchen von
da aus noch hin? Wie sich herausstellte, lebte die Familie Waits
bis zu Toms zehntem Lebensjahr in Whittier, einer Stadt, die
wahrscheinlich am ehesten als die Heimat von Richard Milhous
Nixon bekannt ist.
Tom hatte zwei Schwestern, und die gemeinsam verbrachte Kindheit
war recht unspektakulär. Frank war ein frustrierter Gitarrist,
der dem jungen Tom das Musikverständnis beibrachte. Frank
war trotz seiner angelsächsischen Wurzeln von allem fasziniert,
was aus Mexiko kam. Tagsüber unterrichtete er Spanisch
an einer örtlichen Schule, und abends spielte er Gitarre
in einer Mariachi-Band. Toms erste Erfahrungen mit Musik überhaupt
waren die mit der Mariachi-, Romantica- und Ranchero-Musik,
die sein Vater im Auto hörte. Alma war ebenfalls versessen
auf Musik und sang, wann immer sich die Gelegenheit bot. Tom
hingegen hatte nie den Eindruck, er käme aus einer musikalischen
Familie. Als Mark Rowland ihn während eines Interviews
für das Magazin Musician zu diesem Thema befragte, scherzte
Waits: »Nicht wie bei Liza Minelli, okay? Entgegen der
allgemeinen Annahme haben wir nicht dieselbe Mutter. Ich hab’
sie ein paar Mal ausgeführt, aber es ist nie etwas passiert.«
Das Publikum in Princeton, dem Waits bereits den Mythos seiner
Geburt kredenzt hatte, kam auch in den Genuss der Geschichte,
wie Alma Waits die musikalische Neugierde ihres Sohnes nährte:
Sie besorgte ihm sein erstes Instrument. »Ich kann mich
erinnern, es war Weihnachten … als ganz Whittier von Schnee
bedeckt war. Ich ging gerade von der Arbeit aus der Fabrik nach
Hause, da kam ich zum Palace Pfandhaus. Im Fenster stand ein
Klavier. Es stand gleich neben einem alten, verbeulten Saxophon,
alten Toro Rasenmähern, Zahnprothesen und solchem Zeug.
Ich wusste: Das Ding muss ich haben. Und weil gerade Weihnachten
war, bin ich nach Hause gerannt, hab’ meine Mutter am
Rockzipfel gezogen …[und] gesagt, ›ich muss dieses
Klavier haben, damit ich auf Easy-Street in zweiter Reihe parken
kann‹ [nicht übersetzbares Wortspiel: »to live
on Easy Street« bedeutet, in guten Verhältnissen
zu leben, Anm. d. Ü.]. Und Mutter, Gott segne sie, ist
den ganzen Weg zum Pfandhaus gerannt. |
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| TOM WAITS:
MUSIK & MYTHOS |
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JAY S. JACOBS
(Original title: "Wild Years: The Music and Myth of Tom
Waits")
368 Pages | Paperback
Price: 15,- Euro (+ shipment)
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